064 - Das Monster, das ich schuf - und warum es mich heute noch beschützt

Die Gedankentropfen zum Hören
Das Monster, das ich schuf
Vor einiger Zeit ist mir beim Hören eines Interviews mit einem amerikanischen Comedian eine Aussage begegnet, die bei mir hängen geblieben ist:
„Das Monster, das ich als Kind schuf, um mich zu schützen, ist heute hart zu managen.“
Als Kinder sind wir abhängig. Schwierigen Situationen können wir oft weder entkommen noch können wir sie verändern.
Also entwickeln wir Schutzmechanismen. Wir bauen innere Mauern und erschaffen Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster, die uns helfen, mit dem zurechtzukommen, was wir damals nicht verändern konnten.
Manche dieser Muster verankern sich so tief in uns, dass sie noch Jahrzehnte später federführend unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmen.
Fast so, als wären sie unumstößliche innere Gesetze. Oder eine Art Vertrag mit uns selbst, an den wir uns halten müssen.
Das Problem dabei:
Viele dieser Verträge wurden von einem Kind im Vorschulalter geschrieben.

Nicht selten ist uns gar nicht bewusst, dass dieses Monster in uns aktiv ist.
Manche Menschen erkennen es vielleicht ihr ganzes Leben lang nicht.
Etwas zugespitzt formuliert, verbringen wir dann unser Leben innerhalb von Automatismen, die wir irgendwann als Kind entwickelt haben.
Der erste Schritt ist deshalb, das eigene Monster überhaupt zu erkennen. Denn auch wenn wir Menschen verschieden sind, ähneln wir uns in vielem.
Und so gibt es einige ziemlich typische Monster, die wir erschaffen, um uns zu schützen. Schau einmal, ob dir eines davon bekannt vorkommt.
Der Kontrolleur
„Wenn ich alles im Griff habe, kann mir nichts passieren.“
Als Kind vielleicht entstanden aus Unsicherheit, Chaos oder Unberechenbarkeit.
Heute zeigt er sich durch Planen, Grübeln, Schwierigkeiten mit Ungewissheit und dem Wunsch, Menschen oder Situationen kontrollieren zu können.
Der Perfektionist
„Wenn ich keine Fehler mache, bin ich sicher und werde anerkannt.“
Heute: überhöhte Ansprüche, Angst vor Fehlern, ständige Selbstkritik und das Gefühl, nie gut genug zu sein.
Der Angepasste
„Wenn es den anderen gut geht, bin ich sicher.“
Er spürt sehr genau, was andere brauchen, aber kaum noch, was er selbst braucht.
Nein sagen, Grenzen setzen oder jemanden zu enttäuschen fühlt sich gefährlich an.
Der innere Kritiker
„Wenn ich mich selbst hart genug antreibe, kann mich niemand überraschen oder verletzen.“
Er kritisiert, bevor andere es tun können.
Interessanter Gedanke: Selbstkritik kann ursprünglich ein Versuch gewesen sein, Ablehnung zuvorzukommen.
Der Unsichtbare
„Wenn ich nicht auffalle, kann mir nichts passieren.“
Konflikte vermeiden, Bedürfnisse nicht äußern, sich zurückziehen, lieber nichts riskieren.
Der Unabhängige
„Ich brauche niemanden.“
Vielleicht war Verlass auf andere früher tatsächlich schwierig.
Als Erwachsener schützt diese Strategie weiterhin vor Enttäuschung, verhindert aber gleichzeitig Nähe und Verletzlichkeit.
Der Leistungsmensch
„Ich bin wertvoll, wenn ich etwas leiste.“
Er kann unglaublich erfolgreich machen.
Das Problem entsteht, wenn Ruhe Schuldgefühle auslöst und der eigene Wert von Produktivität abhängt.
Der Wachposten
„Ich muss aufpassen, damit nichts Schlimmes passiert.“
Er scannt ständig die Umgebung:
Was könnte schiefgehen? Was bedeutet diese Nachricht? Warum antwortet jemand anders als sonst?
Aus hilfreicher Wachsamkeit wird chronische Alarmbereitschaft.
Der Vermeider
„Was ich nicht fühle, kann mich nicht verletzen.“
Ablenkung, Arbeit, Smartphone, Essen, Alkohol, Serien, Rückzug oder ständige Beschäftigung können Möglichkeiten sein, unangenehme Gefühle nicht erleben zu müssen.
Der Katastrophendenker
„Wenn ich mich auf das Schlimmste vorbereite, bin ich sicher.“
Das Gehirn produziert ständig Worst-Case-Szenarien. Es verwechselt dabei Vorbereitung mit Sicherheit.
Gemeinsames Menschsein
Zunächst einmal: Jeder von uns ist mal mehr, mal weniger davon betroffen. Es gehört zu unserem gemeinsamen Menschsein. Du bist damit nicht allein.
Wir sprechen nur selten darüber. Und so kann schnell der Eindruck entstehen, die anderen hätten ihre Monster deutlich besser im Griff als wir selbst.
Das eigene Monster zu bekämpfen, ist allerdings selten erfolgversprechend. Man könnte sagen: Es möchte doch auch nur gesehen und geliebt werden.
Versuche deshalb, es nicht zu bekämpfen, wenn es auftaucht. Das ist gar nicht so leicht. Denn häufig bringt es unangenehme Gefühle mit sich: Scham, Schuld, Angst, Unsicherheit, Hilflosigkeit oder Wut.
Und dann kommt oft noch eine zweite Ebene hinzu: unsere eigenen Bewertungen und Reaktionen auf diese Gefühle.
Wir werten uns ab, beginnen zu grübeln, rechtfertigen uns, ziehen uns zurück oder gehen zum Angriff über.
Die entscheidende Frage ist also:
Wie können wir anders mit unserem Monster umgehen?
Bemerken„Ah, mein Monster ist gerade aktiv.“ Nicht sofort reagieren, sondern erkennen: Kontrolle, Rückzug, Anpassung, Selbstkritik, Perfektionismus …
FühlenWas liegt darunter? Angst, Scham, Unsicherheit, Ohnmacht, Schuld, Traurigkeit? Erst einmal im Körper wahrnehmen, statt das Gefühl sofort loswerden zu wollen.
Verstehen„Wovor versucht mich dieses Muster gerade zu schützen?“ Und vielleicht: „Wann war diese Strategie einmal sinnvoll?“
Dadurch wird aus dem Feind ein ehemaliger Beschützer.
Überprüfen„Ist die alte Gefahr heute tatsächlich noch da?“
Bin ich wirklich in Gefahr, wenn jemand mich ablehnt, ich einen Fehler mache, Nein sage oder etwas nicht kontrollieren kann?
Anders handelnEine kleine neue Erfahrung machen: Nein sagen. Einen Fehler stehen lassen. Unsicherheit aushalten. Um Hilfe bitten. Sich zeigen. Nicht sofort reagieren. Eine Grenze setzen.
Denn unser Monster lernt nicht allein dadurch, dass wir es verstehen. Es braucht neue Erfahrungen, um zu erkennen, dass die alten Schutzmechanismen heute nicht mehr notwendig sind.
Der alte Teddybär
Wenn wir diese Schritte immer wieder gehen, beginnt sich das Monster irgendwann gar nicht mehr wie ein Monster anzufühlen.
Vielleicht eher wie ein alter Teddybär, der immer noch versucht, uns zu beschützen.
Hilfreich kann dabei auch eine Portion Humor sein.
Besonders in den Momenten, in denen der alte Teddybär wieder seine ewiggestrigen Weisheiten zum Besten gibt und uns vor Gefahren warnt, die längst keine mehr sind.
Vielleicht können wir ihm dann innerlich zulächeln und sagen:
„Danke, dass du auf mich aufpassen möchtest. Aber heute komme ich damit zurecht.“
In diesem Sinne: Probiere es gerne aus.
Lass dein inneres Monster langsam zu einem alten Teddybären werden.
Kerntropfen
Das Monster entsteht als Beschützer
Als Kinder können wir schwierige Situationen oft weder verlassen noch verändern. Deshalb entwickeln wir Strategien, die uns schützen und Sicherheit geben sollen.
Aus Schutz werden Muster
Kontrolle, Perfektionismus, Anpassung oder Rückzug können sich so tief einprägen, dass sie unser Denken, Fühlen und Handeln noch Jahrzehnte später bestimmen.
Alte Verträge wirken weiter
Manche unserer inneren Regeln fühlen sich unumstößlich an. Dabei wurden viele dieser „Verträge“ von einem Kind geschrieben, das damals ganz andere Möglichkeiten hatte als wir heute.
Jeder hat seine Monster
Wir alle tragen alte Schutzmuster in uns. Wir sprechen nur selten darüber, weshalb manchmal der Eindruck entsteht, die anderen hätten alles viel besser im Griff.
Monster haben viele Gesichter
Der Kontrolleur, der Perfektionist, der Angepasste, der innere Kritiker, der Unsichtbare, der Unabhängige oder der Katastrophendenker sind unterschiedliche Versuche, uns vor unangenehmen Erfahrungen zu bewahren.
Unter dem Monster liegen Gefühle
Hinter unseren Schutzmustern verbergen sich häufig Angst, Scham, Schuld, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Traurigkeit oder Wut.
Bemerken statt automatisch reagieren
Veränderung beginnt in dem Moment, in dem wir erkennen: „Ah, mein Monster ist gerade aktiv.“
Den Beschützer verstehen
Statt das Monster zu bekämpfen, können wir fragen: „Wovor möchtest du mich eigentlich schützen?“ So wird aus einem vermeintlichen Feind ein ehemaliger Beschützer.
Neue Erfahrungen machen
Wir können überprüfen, ob die alte Gefahr heute überhaupt noch besteht, und vorsichtig anders handeln: Nein sagen, Fehler zulassen, Unsicherheit aushalten, Grenzen setzen oder um Hilfe bitten.
Vom Monster zum Teddybären
Mit der Zeit verliert das Monster seine Bedrohlichkeit. Vielleicht können wir ihm irgendwann sogar mit Humor begegnen: als einem alten Teddybären, der es gut meint, aber noch nicht bemerkt hat, dass wir heute selbst auf uns aufpassen können.
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