060 - Ich bin zu alt für diesen Scheiß - Nicht alles verdient meine Aufmerksamkeit
- Ronny

- 15. Aug.
- 6 Min. Lesezeit
Die Gedankentropfen zum Hören
Ich bin zu alt für diesen Scheiß
Vor Kurzem ist mir im Englischen der Satz „Raise your I-don't-give-a-fuck level“ begegnet.
Ein Satz, der zunächst etwas derb klingt, in dem aber bei genauerem Hinsehen eine ziemlich befreiende Idee steckt.
Für diesen Gedankentropfen habe ich ihn deshalb ein wenig abgewandelt:
„Ich bin zu alt für diesen Scheiß – meine verbleibende Lebenszeit ist zu wertvoll für bestimmte Dinge.“
Mit zunehmendem Alter darf unser „I-don't-give-a-fuck-Level“ nämlich ruhig ein wenig steigen.
Nicht, weil uns plötzlich alles egal wird. Sondern weil wir immer besser unterscheiden dürfen, was unsere Aufmerksamkeit wirklich verdient und was nicht.
„I don't give a fuck“ bedeutet für mich deshalb nicht:
Mir ist alles egal. Im Gegenteil. Es bedeutet, meine Zeit und Aufmerksamkeit bewusster den Menschen und Dingen zu schenken, die mir wirklich wichtig sind.

Das Leben ist sooo kurz
Ich persönlich mache mir immer wieder bewusst, wie alt ich mittlerweile bin und damit verbunden auch, wie viel Lebenszeit vermutlich noch vor mir liegt.
Vielleicht sogar noch konkreter: Wie viele gesunde Jahre bleiben mir, in denen ich all die Dinge tun kann, die mir wichtig sind?
Zu alt für schlechte Nachrichten
Daher habe ich für mich beschlossen: Ich bin definitiv zu alt, um mich über Kleinigkeiten im Haus oder in der Wohnung aufzuregen.
Möchte ich dieses eine, wertvolle und von mir so sehr geschätzte Leben wirklich damit verbringen, meine Aufmerksamkeit auf Staub, herumliegende Wäsche oder einen hochgeklappten Klodeckel zu richten und darüber womöglich auch noch zu streiten?
Nein. Dafür ist mir meine Lebenszeit mittlerweile schlicht zu kostbar.
Definitiv zu alt bin ich auch dafür, mich jeden Tag freiwillig mit negativen Nachrichten zu überschütten.
Dass unsere Welt längst nicht so schlecht ist, wie sie uns manchmal erscheint, haben wir bereits in einem früheren Gedankentropfen betrachtet.
Dazu passt eine meiner Lieblingsgeschichten aus dem MBSR Kurs. Die Geschichte von den zwei Wölfen:
Ein alter Mann erzählt seinem Enkel, dass in jedem Menschen ein Kampf zwischen zwei Wölfen stattfindet.
Der eine Wolf steht für Wut, Neid, Angst, Gier, Eifersucht, Überheblichkeit, Selbstmitleid und Hass.
Der andere Wolf steht für Mitgefühl, Freude, Gelassenheit, Liebe, Großzügigkeit, Vertrauen und Freundlichkeit.
Der Enkel denkt einen Moment darüber nach und fragt schließlich:
„Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?“
Der alte Mann antwortet:
„Der, den du fütterst.“
Negativität begegnet uns ohnehin oft genug.
Aber muss ich sie zusätzlich jeden Morgen beim Frühstück, zwischendurch auf dem Smartphone und abends auf dem Sofa zu mir nehmen?
Nein, für diesen Scheiß bin ich zu alt.
Horst1967 (muss mich nicht mögen)
Ebenso bin ich zu alt dafür, jede Diskussion gewinnen oder andere unbedingt von meiner Meinung überzeugen zu wollen.
Das gilt ganz besonders für das Internet. Eine Stunde meiner Lebenszeit investieren, damit „Horst1967“ am Ende vielleicht doch noch seine Meinung ändert?
Ich bin zu alt für diesen Scheiß. Aber natürlich gibt es „Horst1967“ nicht nur im Internet.
Bis in die Geriatrie
Es ist erstaunlich spannend, sich einmal ganz bewusst zu fragen, wofür man seine wertvolle und begrenzte Lebenszeit eigentlich nicht mehr verwenden möchte.
Einige Antworten auf diese Frage begegnen mir auch immer wieder in meiner Arbeit.
Vielleicht erkennst du dich in dem einen oder anderen Punkt wieder.
Viele von uns investieren beispielsweise erstaunlich viel Energie darin, einen bestimmten Eindruck bei anderen Menschen zu hinterlassen.
Wie tief dieses Bedürfnis in uns verankert ist, wurde mir vor einigen Jahren bei einem Besuch in einer geriatrischen Einrichtung bewusst.
Dort beobachtete ich einen gesundheitlich bereits stark eingeschränkten älteren Mann.
Als eine Krankenpflegerin sein Zimmer betrat, richtete er sich plötzlich auf, straffte seinen Körper und rückte seinen Gürtel zurecht.
Selbst in dieser Lebensphase war da noch dieser kleine Impuls: Wie wirke ich gerade auf einen anderen Menschen?
Vielleicht begleitet uns dieses Bedürfnis tatsächlich ein Leben lang. Umso mehr dürfen wir uns schon heute gelegentlich sagen:
Ich bin zu alt für diesen Scheiß.
Nicht jeder muss mich mögen. Nicht jeder muss mich verstehen. Und schon gar nicht muss jeder meine Entscheidungen nachvollziehen können.
Eigentlich möchte ich nach Hause
Wie oft tun wir Dinge aus Höflichkeit, obwohl wir eigentlich etwas ganz anderes brauchen oder möchten?
Wir bleiben noch eine Stunde, obwohl wir längst müde sind und uns nach Ruhe sehnen. Wir führen ein Gespräch weiter, obwohl wir es gerne beenden würden.
Wir nehmen Einladungen an, auf die wir keine Lust haben. Wir halten Kontakte aufrecht, die eigentlich nur noch aus Gewohnheit bestehen.
Und manchmal halten wir sogar an Beziehungen fest, obwohl wir längst spüren, dass sie uns nicht mehr guttun.
Vielleicht lohnt es sich, an solchen Stellen einmal kurz innezuhalten und zu schauen, ob da nicht irgendwo eine dezente Stimme auftaucht, die sagt:
Eigentlich bin ich zu alt für diesen Scheiß.
Und vermutlich ließe sich diese Liste beinahe endlos fortsetzen.
Permanent erreichbar sein zu müssen? Ich bin zu alt für diesen Scheiß. Ein schlechtes Gewissen zu haben, weil ich mich erst jetzt zurückmelde? Zu alt.
Mich anders zu geben, als ich eigentlich bin, weil ich glaube, immer perfekt, lustig, souverän oder gut gelaunt sein zu müssen? Zu alt.
Und ich bin mir ziemlich sicher, dass dir beim Lesen oder Hören längst deine ganz eigenen Beispiele durch den Kopf gehen.
Wer ist eigentlich dieser "Man"?
Eines meiner Lieblingsbeispiele ist dieses hier. Es begleitet mich schon mein ganzes Leben:
Mein Leben nach einem imaginären „Man“ auszurichten.
„Das macht man nicht.“
„So etwas sagt man nicht.“
„So verhält man sich nicht.“
„Das gehört sich nicht.“
„Das macht man in deinem Alter nicht mehr.“
Doch wer ist eigentlich dieser „Man“?
Und wenn du ihn irgendwann findest, richte ihm bitte von mir aus:
Ich bin zu alt für diesen Scheiß!
Wobei „Man“ jetzt vermutlich sagen würde:
„So etwas sagt man nicht.“
Wofür ich wirklich zu alt bin
Wirklich spannend wird diese Erkenntnis allerdings, wenn wir sie in einen größeren Zusammenhang setzen und die Perspektive einmal wechseln.
Denn jedes Mal, wenn ich mich mit Dingen oder Menschen beschäftige, für die ich mich eigentlich zu alt fühle, weil mir meine begrenzte Lebenszeit schlicht zu schade dafür ist, fehlt genau diese Zeit an anderer Stelle.
Die Zeit, Energie und Aufmerksamkeit, die ich in unnötigen Ärger, endlose Diskussionen oder Dinge investiere, die mir eigentlich gar nicht wichtig sind, kann ich nicht gleichzeitig den Menschen und Erfahrungen schenken, die mir wirklich etwas bedeuten.
Und damit dreht sich die Frage plötzlich um. Denn für eine Sache bin ich persönlich mittlerweile definitiv zu alt:
Dinge aufzuschieben, die ich eigentlich erleben möchte!
Kerntropfen
Erhöhe dein „I don't give a fuck Level“
Mit zunehmendem Alter darf uns manches immer egaler werden. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil wir bewusster entscheiden, was unsere begrenzte Aufmerksamkeit und Lebenszeit überhaupt verdient.
Unsere Lebenszeit ist begrenzt
Je älter wir werden, desto deutlicher wird, dass unsere Zeit nicht unendlich ist. Selbst ein langes Leben ist gemessen am großen Ganzen nur ein Wimpernschlag.
Dafür ist mir mein Leben zu schade
Staub, herumliegende Wäsche oder ein hochgeklappter Klodeckel können nerven. Doch die entscheidende Frage lautet: Möchte ich einen Teil meines wertvollen Lebens wirklich damit verbringen, mich darüber zu ärgern?
Welchen Wolf fütterst du?
Die Geschichte von den zwei Wölfen erinnert daran, dass das wächst, dem wir unsere Aufmerksamkeit schenken. Negativität begegnet uns ohnehin. Wir müssen sie nicht zusätzlich jeden Tag freiwillig füttern.
Horst1967
Nicht jede Diskussion muss gewonnen und nicht jeder Mensch von unserer Meinung überzeugt werden. Eine Stunde Lebenszeit zu investieren, damit irgendein Fremder im Internet vielleicht seine Meinung ändert, ist diese Stunde möglicherweise einfach nicht wert.
Nicht jeder muss mich mögen
Wir investieren viel Energie darin, einen bestimmten Eindruck zu hinterlassen. Doch nicht jeder Mensch muss uns mögen, verstehen oder unsere Entscheidungen nachvollziehen können.
Eigentlich möchte ich nach Hause
Wir bleiben länger, sagen aus Höflichkeit Ja oder halten Kontakte aufrecht, obwohl wir eigentlich etwas anderes möchten. Manchmal dürfen wir aufhören, unsere eigenen Bedürfnisse zu übergehen, nur um andere nicht zu enttäuschen.
Nicht alles verdient eine Reaktion
Permanent erreichbar sein, Menschen hinterherlaufen, jeden Konflikt austragen oder auf jede Provokation reagieren. Nur weil etwas nach unserer Aufmerksamkeit verlangt, bedeutet das nicht, dass es sie verdient.
Wer ist eigentlich dieser „Man“?
„Das macht man nicht.“ „Das gehört sich nicht.“ „So etwas macht man in deinem Alter nicht.“ Vieles richten wir nach einem imaginären „Man“ aus. Vielleicht sind wir irgendwann alt genug, selbst zu entscheiden, wie wir leben möchten.
Wofür ich wirklich zu alt bin
Jede Minute, die wir mit Unwichtigem verbringen, fehlt uns für etwas anderes. Deshalb bedeutet „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“ letztlich, mehr Raum für das zu schaffen, was wirklich zählt. Denn für eine Sache sollten wir tatsächlich irgendwann zu alt sein: Dinge aufzuschieben, die wir eigentlich erleben möchten.
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