44 - Fließend Emotionen sprechen Teil 1 - mit einem Nervensystem aus einer anderen Zeit
- Ronny

- vor 4 Tagen
- 9 Min. Lesezeit
Die Gedankentropfen zum Hören
Die Bühne der Emotionen
Vor einiger Zeit habe ich die Serie The Bear gesehen. Besonders hängen geblieben ist mir die Weihnachtsfolge Fishes.
Eine Mutter, gespielt von Jamie Lee Curtis, versucht inmitten einer dysfunktionalen Familie ein schönes Weihnachtsessen zu organisieren. In der Küche ist es laut und chaotisch.
Alle sind angespannt, aber der Trubel hält die Stimmung noch zusammen.
Erst als alle am Tisch sitzen, kippt etwas. Die Ablenkungen verschwinden, kleine Bemerkungen werden schärfer.
Vor allem zwischen dem neuen, erfolgreichen Partner der Mutter, gespielt von Bob Odenkirk, und ihrem ältesten Sohn Michael, der noch bei seiner Mutter zu Hause lebt, gespielt von Jon Bernthal, spitzt sich die Situation zu.
Ein Satz zu viel genügt. Michael verliert die Fassung und wirft eine Gabel über den Tisch in Richtung Bob.
Michael verlor die Fassung. Auch die anderen Familienmitglieder konnten ihn nicht beruhigen.
Er verlor die Kontrolle über seine Emotionen und sein Nervensystem war mit der Situation überfordert.
Mit Sicherheit stand ihm auch das eigene Ego im Weg.
Doch die Bühne unsere Emotionen sind das Nervensystem und Michaels Nervensystem ist in diesem Moment übergelaufen.

Fließend Emotionen sprechen
Emotionen werden gerne nicht nur unterschätzt, wir haben auch nie wirklich gelernt, wie man ihre Sprache spricht.
Probleme, Konflikte, selbst Emotionen selbst, versuchen wir durch Denken zu lösen.
Eine Strategie, die uns vertraut ist und mit der wir uns auskennen.
Doch Emotionen sind nicht etwas, das nach dem Denken einsetzt.
Sie sind meist der Ausgangspunkt für Gedanken oder Handlungen.
Wir handeln selten, weil wir etwas gedacht haben.
Wir denken und handeln oft, um zu rechtfertigen, was wir bereits fühlen.
Daher ist es essentiell zu verstehen, was bereits vor unseren Gedanken und Handlungen geschieht.
Was ist fühlen eigentlich und wo genau nehmen wir das wahr?
Gefühle als Zustände des Nervensystems
Gefühle entstehen nicht losgelöst im Kopf.
Sie entstehen, wenn das Nervensystem Veränderungen im Körper registriert und an das Gehirn meldet.
Herzschlag, Atmung, Muskelspannung, Magenaktivität, innere Unruhe oder Weite – all das sind Signale, die über Nervenbahnen weitergeleitet werden.
Das Nervensystem ist das Kommunikationsnetz unseres Körpers.
Es verbindet Gehirn, Organe, Muskeln und Sinne miteinander und sorgt dafür, dass wir auf Reize, Impulse, also auf das Leben reagieren können.
Ein großer Teil davon arbeitet automatisch und unbewusst.
Weil wir uns der Wahrnehmungen nicht immer bewusst sind, halten wir sie für weniger wichtig. Aus dem Auge aus dem Sinn.
Aber dieses autonome Nervensystem entscheidet fortlaufend, ob wir uns sicher fühlen oder ob wir uns schützen müssen.
Wir denken das nicht, wir nehmen es einfach wahr oder nicht.
Und genau hier entstehen die Zustände, die wir später als Gefühle bezeichnen.
Der Körper als Gefühl
Wenn das Nervensystem Entspannung und Sicherheit meldet, fühlen wir uns ruhig, offen, verbunden.
Wenn es Gefahr oder Überforderung wahrnimmt, steigt die innere Spannung. Der Körper wird enger, schneller, unruhiger.
Diese körperlichen Veränderungen sind keine Begleiterscheinung von Gefühlen – sie sind das Gefühl!
Deshalb fühlen wir Emotionen nicht im Kopf, sondern im Körper.
Und wenn wir das regulieren wollen, was für die meisten unserer Gedanken und Handlungen die Grundvoraussetzung ist, müssen wir die Emotionen auch genau dort wahrnehmen, wo sie wahrnehmbar sind.
Raus aus dem Kopf und rein in den Körper.
Das Nervensystem übersetzt unsere Umgebung, unsere Erinnerungen und unsere Beziehungen eben in körperliche Zustände.
Begegnung
Das heißt, wenn wir lernen wollen, uns selbst zu regulieren und uns durchs Leben zu navigieren – wenn wir fließend Emotionen sprechen wollen –, sollten wir lernen, unser Nervensystem wahrzunehmen.
Das klingt kompliziert. Und es wird noch komplizierter, wenn man bedenkt, dass jeder Mensch, dem wir begegnen, ebenfalls ein komplexes Nervensystem hat.
Wenn wir anderen begegnen treffen also nicht nur zwei Menschen aufeinander, sondern zwei Nervensysteme, die sich gegenseitig beeinflussen und triggern können.
Als wäre das nicht anspruchsvoll genug, laufen die meisten dieser Prozesse eben unterhalb unsere Wahrnehmungsschwelle ab und dazu noch automatisch und schwankend.
Um dein und mein Nervensystem zu schonen, gehe ich auf diesen Punkt im zweiten Teil dieses Gedankentropfens ein, der in 14 Tagen erscheinen wird.
Zurück ins Erleben
Im ersten Schritt wäre es nötig, das eigene Nervensystem überhaupt wieder wahrzunehmen.
Leider haben wir das in der heutigen Zeit oft fast vollständig verlernt. Das gilt besonders für uns Männer.
Das hat mehrere Gründe:
Durch dauerhafte Überreizung im Informationszeitalter nehmen wir unseren eigenen Körper kaum noch wahr.
Hinzu kommt das ständige Analysieren, Denken und Funktionieren – dieses dauerhafte „im Kopf sein“.
Viele von uns haben früh gelernt, Gefühle zu unterdrücken, weil es praktisch, erwartet oder notwendig war.
Heutiger Dauerstress überdeckt die Körpererfahrung zusätzlich.
Und ohne diesen Zugang wirken Emotionen irgendwann abstrakt oder sogar unnötig – obwohl sie eigentlich die Grundlage unseres Erlebens sind.
Das eigene Leben ist jedoch eher eine Erfahrung als ein Gedanke. Keine Sorge, das Denken setzt im Nachhinein sowieso ein. Wir haben es lange genug trainiert.
Ein Nervensystem aus einer anderen Zeit
Um diesen Punkt der fehlenden Verbindung zwischen unserer Wahrnehmung und unserem Körper noch einmal zu verdeutlichen, lohnt sich ein kurzer Blick zurück.
Unser Körper ist im Wesentlichen immer noch der eines Jägers und Sammlers. Dieses Leben haben wir über mehrere hunderttausend Jahre geführt.
Die älteren Gehirnregionen, die für Emotionen zuständig sind, haben wir von unseren Vorfahren geerbt. Sie wurden über einen noch viel längeren Zeitraum tief in uns eingeprägt.
Als Jäger oder Sammler unterwegs zu sein, bedeutete, den eigenen Körper ganz anders wahrzunehmen als heute.
Wir wurden nicht durch WhatsApp-Gruppen, ferne Staatsoberhäupter oder Gerüchte aus Adelshäusern abgelenkt.
Wenn wir Pilze sammelten, mussten wir sie mit allen Sinnen wahrnehmen, weil das Leben unserer Nachkommen davon abhing.
Gleichzeitig lauschten wir der Umgebung. Jedes Rascheln im Busch, jede Bewegung im Gras konnte bedeutsam sein.
Hinzu kommt, dass wir unseren Körper tatsächlich für das benutzten, wofür er gemacht wurde: Bewegung.
Und wenn es zu einer Konfrontation mit einem Raubtier kam, bekam die Emotion sofort ein Ventil. Sie wurde abgebaut, indem wir kämpften, flüchteten oder uns totstellten.
Das heutige Äquivalent zum damaligen Raubtier ist vielleicht der eigene Chef. Du kannst gerne einmal versuchen, zu kämpfen, zu flüchten oder dich totzustellen. 🙂
Kurz gesagt: Damals brauchten wir eine gute Verbindung zum eigenen Körper. Es gab weniger Ablenkung, und Emotionen fraßen sich nicht dauerhaft in uns hinein.
Heute ist das anders. Und genau deshalb ist es vielleicht notwendig, sich wieder zu besinnen und den Kopf manchmal auszuschalten.
Zustände, nicht Gedanken
Das Nervensystem lässt sich also nicht denken. Es lässt sich nur erfahren.
Wir leben nicht in Gedanken, sondern in Zuständen.
Auf diesen Zuständen bauen Gedanken und Handlungen auf. Ob sie dabei bewusst oder unbewusst bleiben spielt keine Rolle.
Gedanken und Verhaltensweisen erklären oder rechtfertigen oft nur, was innerlich längst da ist.
Das Leben ist deshalb weniger eine Abfolge von Entscheidungen als eine Aneinanderreihung von Gefühlszuständen, durch die wir uns bewegen.
Wäre es nicht sinnvoller, sich diesen Zuständen bewusst zu werden?
Eine ernsthafte Frage:
Warum lernen wir diese Grundlagen nicht in der Schule?
Fließend Emotionen sprechen lernen
Umso wichtiger ist es, das eigene Nervensystem zu verstehen.
Vor allem in folgender Hinsicht:
Wie reagiert es in bestimmten Situationen, und welche typischen Gedanken und Verhaltensweisen tauchen dabei auf?
Was passiert, wenn mein Nervensystem anspringt und überfordert ist?
Versuche ich, es allen recht zu machen? Werde ich aggressiv? Breche ich zusammen oder mache ich innerlich dicht?
Entscheidend sind dabei zwei Fragen:
Was hätte mein Nervensystem in diesem Moment eigentlich gebraucht? Und wie kann ich das kommunizieren?
Vielleicht wäre es in schwierigen Momenten, Situationen oder Gesprächen sinnvoller, nicht über die konkret belastende Situation zu sprechen, sondern darüber, was diese mit dem eigenen Nervensystem machen.
Zu beschreiben, welche Auswirkungen sie haben, und zu überlegen, was es bräuchte, um ähnliche Situationen – die sich manchmal nicht vermeiden lassen – künftig besser zu navigieren.
Das würde bedeuten, fließend Emotionen zu sprechen.
Der Kipppunkt
Ein überlaufendes Nervensystem kündigt sich selten plötzlich an. Meist gibt es viele Momente vor dem Kipppunkt.
Der eigene Körper flüstert, bevor er schreit!
Ein Kloß im Hals, aufeinander reibende Kiefer, angespannte Schultern etc.
Wenn wir zu lange warten wird die Aufmerksamkeit enger. Der Körper spannt sich an. Man befindet sich vielleicht sogar im Tunnelblick.
Dort nimmt die eigene verengte Empfindung, beispielsweise ein dominantes, negatives Gefühl, die gesamte Wahrnehmung ein.
Wut, Ärger, Trauer, Enttäuschung - Wir halten dies dann für die einzige Realität und vergessen oder verdrängen gerne all die vielen vorhergegangen Möglichkeiten, Optionen und Chancen zur Prävention.
Wenn das Nervensystem Alarm schlägt fühlt sich dort alles intensiv an, dringlich und es möchte entweder nach außen dringen oder man drückt es fast mit Gewalt wieder nach innen.
Michael aus "The Bear" hat es veranlasst eine Gabel auf seinen zukünftigen Schwiegervater zu werfen.
In diesem Moment setzen eben Mechanismen zum Selbstschutz ein, die wir bereits in frühester Kindheit entwickeln, worauf ich ebenfalls im zweiten Teil eingehen werde.
Wer lernt, diesen Kipppunkt wahrzunehmen, bzw. präventiv frühzeitiger zu reagieren, wie in einem Frühwarnsystem, gewinnt nicht nur Zeit, sondern lernt aus automatisierten Reaktionen herauszuwachsen und stattdessen zu regulieren.
Regulieren würde bedeuten, den Sturm, der durch das Nervensystem hinwegfegt nicht zu befeuern, nicht darüber nachzudenken, sondern es einfach nur zu erfahren.
Zu fühlen, was dort geschieht mit dem Bewusstsein, der Sturm zieht vorüber, wenn ich mich einfach mitten reinsetze, beobachte und nichts damit tue.
Oft reicht es, die körperlichen Empfindungen wahrzunehmen, bis sie von selbst abklingen. Und das tun sie.
Regulation ist kein Dauerzustand
Regulation bedeutet jedoch nicht, dauerhaft ruhig, gelassen oder ausgeglichen zu sein. Das Nervensystem ist dafür nicht gemacht.
Es reagiert und schwingt durchgängig Reguliert zu sein heißt nicht, nichts mehr zu fühlen.
Es heißt, wahrzunehmen, was gerade da ist – ohne sofort darin unterzugehen.
Nicht das Vermeiden von Aktivierung ist das Ziel, sondern der Umgang damit.
Zu merken, wann es zu viel wird. Und sich rechtzeitig Raum zu nehmen, bevor das Nervensystem überläuft.
Verantwortung statt Schuld
Ein überfordertes Nervensystem ist kein persönliches Versagen.
Es ist kein Zeichen von Schwäche oder mangelnder Reife. Zumindest nicht, solange du keine Gabeln auf deine Familienmitglieder wirfst :)
Es ist ein biologischer Zustand, den wir alle haben.
Verantwortung beginnt deshalb nicht mit Schuldzuweisungen oder Selbstabwertung, sondern mit Wahrnehmung, Beobachtung und Bewusstsein.
Mit der Offenheit frühzeitig anzuerkennen: So wie ich mich gerade fühle, bin ich nicht mehr reguliert und das ist okay, weil völlig normal, menschlich und es trifft uns alle, ohne Ausnahme.
Das Ziel ist nicht, perfekt zu reagieren.
Sondern früh genug zu merken, wann man es gerade nicht mehr kann und dies eben auch zuzulassen.
Um dein und mein Nervensystem nicht weiter zu beanspruchen, lass uns an dieser Stelle pausieren und im zweiten Teil auf den Rest eingehen.
Denn beispielsweise in zwischenmenschlichen Beziehungen wird besonders sichtbar, wie Nervensysteme aufeinander reagieren.
Kerntropfen
Emotionen haben eine Bühne
Sie entstehen nicht im luftleeren Raum. Ihre Bühne ist das Nervensystem, das fortlaufend zwischen Sicherheit und Gefahr unterscheidet.
Eskalation beginnt vor dem Ausbruch
Wenn Michael die Gabel wirft, ist das nicht der Anfang, sondern das Ende eines inneren Prozesses. Sein Nervensystem ist zu diesem Zeitpunkt bereits übergelaufen.
Emotionen kommen vor dem Denken
Wir handeln selten, weil wir etwas gedacht haben. Gedanken entstehen oft, um zu erklären oder zu rechtfertigen, was wir bereits fühlen.
Fühlen ist Körperwahrnehmung
Gefühle zeigen sich als körperliche Zustände wie Herzschlag, Atmung, Spannung, Enge oder Weite. Nicht im Kopf, sondern im Körper.
Das autonome Nervensystem steuert unseren Zustand
Ein großer Teil unseres Erlebens läuft automatisch. Es reguliert Atmung, Herzschlag, Wachheit und Spannung und entscheidet fortlaufend, ob wir uns sicher fühlen oder uns schützen müssen.
Sicherheit und Alarm formen unser Erleben
Bei Sicherheit fühlen wir uns ruhig, offen und verbunden. Bei Gefahr oder Überforderung werden wir eng, schnell und reaktiv. Diese Veränderungen sind nicht Begleiterscheinungen – sie sind das Gefühl.
Unser Nervensystem stammt aus einer anderen Zeit
Es ist auf ein Leben ausgerichtet, in dem Sinneswahrnehmung, Bewegung und unmittelbare Entladung überlebenswichtig waren. Heute fehlen oft Bewegung und Ventile, während Dauerstress und Ablenkung bleiben.
Der Kipppunkt ist entscheidend
Überforderung kündigt sich an. Regulation beginnt dort, wo wir den Moment erkennen, bevor es kippt und bevor wir automatisch reagieren.
Verantwortung ist etwas anderes als Schuld
Ein überlastetes Nervensystem ist kein persönliches Versagen. Verantwortung bedeutet, den eigenen Zustand wahrzunehmen und rechtzeitig Raum oder Unterstützung zu schaffen.
Fließend Emotionen sprechen
Statt nur über Inhalte oder Situationen zu streiten, kann es hilfreicher sein, über Zustände zu sprechen: Was macht das gerade mit meinem Nervensystem – und was bräuchte es, um besser zu navigieren?
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