045 - Fließend Emotionen sprechen Teil 2 - Das Zusammenspiel der Nervensysteme
- Ronny

- vor 1 Tag
- 7 Min. Lesezeit
Die Gedankentropfen zum Hören
Teil 1 findest du hier
Fließend Emotionen sprechen
In der Regel brauchen unsere Nervensysteme bestimmte Bedingungen, um zur Ruhe zu kommen.
Um sich zu regulieren und zu entspannen, braucht es vor allem eines: das Gefühl von Sicherheit.
Besonders im Kontakt mit anderen Menschen entsteht diese Ruhe dann, wenn wir uns sicher, geborgen, verstanden und gesehen fühlen.
Wenn wir spüren, dass wir gut aufgehoben sind.

Fließend Emotionen sprechen
Wenn Nervensysteme Raum bekommen
Und was braucht es für dieses Gefühl?
Raum! Raum, in dem ein aufgewühltes Nervensystem nichts leisten muss.
Raum, in dem es sich langsam ausdehnen und wieder zur Ruhe kommen darf.
Wenn du einem Menschen dieses Gefühl schenken möchtest, setz dich zu ihm.
Ohne Bewertungen. Ohne Erwartungen. Ohne versteckte Botschaften.
Einfach präsent, offen, und bereit, den anderen genauso sein zu lassen, wie er gerade ist.
In einem solchen Raum beginnt etwas Entscheidendes:
Der Mensch entspannt und öffnet sich. Er zeigt sich, wie er wirklich ist.
Und erstaunlicherweise wirft er dann auch keine Gabeln mehr :)
Die entscheidenden Fragen dabei sind:
Was macht das eigene Nervensystem?
Wo ist diese Veränderung im Körper spürbar?
Und welche Auswirkungen hat dies auf Gedanken und Handlungen?
Wo alles beginnt
Entscheidend ist auch, auf ein ausschlagendes Nervensystem nicht immer mit den gleichen Worten oder Handlungen zu reagieren, sondern dies zunächst wahrzunehmen, zu beobachten und schließlich auch zu kommunizieren.
Und besonders spannend wird es, wenn wir uns fragen, wo unser eigenes Nervensystem eigentlich geprägt wurde.
Eine Frage, deren Antworten oft bis in die frühe Kindheit zurückreichen, manchmal sogar noch davor.
Emotionale Zustände werden bereits geformt, bevor wir über ein bewusstes Erinnerungsvermögen verfügen.
Lange bevor wir Dinge benennen oder einordnen können.
Diese frühen Prägungen stehen in engem Zusammenhang mit unseren ersten nahen Beziehungen.
Fragen an das Nervensystem
Wer verstehen möchte, warum das eigene Nervensystem heute so reagiert, wie es reagiert, kann dort wichtige Antworten finden.
Besonders hilfreich ist diese Perspektive, wenn gerade ein getriggertes Nervensystem spürbar ist.
Dann können folgende Fragen Orientierung geben:
Wann habe ich diese Reaktion zum ersten Mal in meinem Leben wahrgenommen?
Wie habe ich mich damals gefühlt?
Was ist in dieser Situation passiert?
In welcher prägenden Beziehung ist dies passiert?
Und was hätte mein Nervensystem in diesem Moment eigentlich gebraucht?
Der Schlüssel
In der letzten Frage liegt oft der entscheidende Zugang.
Sie lenkt den Blick weg von Analyse und Bewertung und hin zu Verständnis und Mitgefühl.
Viele Reaktionen, die uns heute irritieren oder belasten, waren früher sinnvolle Anpassungen an eine Situation, in der etwas gefehlt hat.
Wenn wir erkennen, was das Nervensystem damals gebraucht hätte, entsteht die Möglichkeit, ihm diese Qualität heute zu geben.
Nicht rückwirkend, sondern im Jetzt.
Genau dort beginnt Regulation, nicht durch Kontrolle, sondern Befriedung und Nährung im Jetzt.
Wo Nervensysteme heilen
Am wirksamsten ist dieser Prozess dort, wo die Narben des Nervensystems ihren Ursprung haben.
Wenn Verletzungen des Nervensystems in Begegnungen entstanden sind, können sie auch dort heilen: in Beziehungen.
Wurde ein Nervensystem in der frühen Kindheit durch ein cholerisches Elternteil immer wieder überfordert, dann geschieht Heilung häufig in einer späteren engen Beziehung.
In einer Beziehung, in der sich eine ähnliche Situation zeigt, das Gegenüber jedoch nicht cholerisch reagiert, sondern den Raum hält, von dem wir zuvor gesprochen haben.
Warum wir wiederholen, was uns verletzt
Besonders spannend ist die Erkenntnis, dass unser Nervensystem mit vertrauten, selbst missbräuchlichen Mustern oft besser umgehen kann als mit unvertrauten.
Wenn Eltern beispielsweise auf überforderte Nervensysteme mit Aggression reagiert haben, kann diese Reaktion im Erwachsenenalter leichter toleriert werden als etwa Rückzug.
Nicht weil sie weniger schädlich wäre, sondern weil sie vertraut ist und sich auf paradoxe Weise mehr nach Zuhause anfühlt.
Mehr noch: Wir suchen dieses Gefühl häufig aktiv, vor allem in unseren engen Beziehungen.
Bei der Partnerwahl ziehen wir nicht selten Menschen an, die genau diese Vertrautheit verkörpern.
Selbst verletzende Verhaltensweisen werden dann nicht nur toleriert, sondern können sogar anziehend wirken, weil sie das Nervensystem stark stimulieren und ein bekanntes inneres Klima erzeugen.
Es wirkt fast wie ein tückischer Bug der Natur, dass wir uns ausgerechnet zu jenen Menschen hingezogen fühlen, mit denen wir frühe Verletzungen des Nervensystems wiederholen, ohne sie dabei zu heilen.
Um aus diesem Kreislauf auszusteigen, reicht kein guter Vorsatz, sondern das bewusste Erkennen und Unterbrechen vertrauter Muster.
Und ja, das ist leichter gesagt als getan und vermutlich eine Lebensaufgabe.
Rupture and Repair
Eine letzte wichtige Komponente ist das bewusste Hinsehen.
Es bedeutet, eine alte Wunde gezielt zu berühren, mit aktiviertem Nervensystem hineinzuspüren, sich der empfundenen Gefahr zu stellen und die unangenehmen Empfindungen auszuhalten.
Im besten Fall nicht allein, sondern gemeinsam mit einer vertrauten Person.
Dieser Prozess erinnert an das Prinzip von Rupture and Repair.
Genau dort, wo wir Zustände halten, die wir sonst vermeiden, und sie vor einem anderen Menschen sichtbar werden dürfen, beginnt etwas Neues: Heilung, Versöhnung und allmähliche Befriedung.
Ein reguliertes Nervensystem
Am Ende steht ein Nervensystem, das sich ruhig und sicher anfühlt.Typische Anzeichen dafür sind:
– Augenkontakt wird möglich– Bewegungen werden ruhiger– Gedanken weiten sich– die Atmung vertieft sich– Präsenz entsteht– manchmal zeigen sich auch Freude und Verspieltheit im Leben
Wenn sich Nervensysteme begegnen
Dieser Zustand ist nicht immer leicht zu erreichen, besonders in engen Beziehungen, wenn zwei überladene Nervensysteme aufeinandertreffen.
Die entscheidenden Fragen sind dann meist nicht, wer die Spülmaschine hätte ausräumen müssen.
Sondern wie sich diese beiden Nervensysteme gegenseitig beeinflussen und welche Wechselwirkung gerade entsteht.
Denn diese Wechselwirkung gibt es immer.
Ist Partner A bereits reguliert oder angespannt zu Hause und Partner B betritt gerade die Wohnung, beginnt das Zusammenspiel der Nervensysteme.
Springt das eine an, reagiert auch das andere. Dem können wir uns kaum entziehen.
Bevor wir jedoch wegen einer offen gelassenen Zahnpastatube aufeinander losgehen, um die es eigentlich nie wirklich geht, könnten wir lernen, diese Dynamik wahrzunehmen, sie zu verstehen, zu benennen und vor allem auch zu tolerieren.
Sollte der Eindruck entstehen, wir wären dann immer reguliert, muss ich leider enttäuschen.
Wir bleiben Menschen und werden weiterhin Konflikte miteinander haben.
Doch wir schaffen Bewusstsein, reduzieren unnötige Eskalationen und verbessern die Qualität unserer Beziehungen.
Das setzt eine echte Auseinandersetzung voraus. Vertrauen, Ehrlichkeit und eine Haltung, die nicht missbräuchlich ist.
Wie schwierige Gespräche geführt werden können, haben wir im Gedankentropfen „Zwei Gläser voller Leben“ bereits besprochen.
Zurück zum Kern
Zu guter Letzt bleibt ein Plädoyer:
Gedanken und Handlungen sind oft weniger Ursache als vielmehr Rechtfertigung für das, was wir bereits fühlen.
Fühlen ist dabei vor allem eine körperliche Erfahrung. Diese körperlichen Zustände sind das Gefühl.
Über unser Nervensystem werden diese Zustände generiert und wahrnehmbar.
Wir erfassen sie nicht durch Denken, sondern durch Wahrnehmung und Beobachtung.
Genau dort müssen wir ansetzen, wenn wir uns selbst regulieren wollen.
Und manchmal bedeutet das sogar, die frühe Kindheit zu verstehen.
Dabei lernen wir jedoch nicht nur, unser Nervensystem zu regulieren, sondern etwas gleichermaßen Wertvolles:
Wer wir wirklich sind und was wir wirklich wollen.
Fremde Nervensysteme regulieren
Das gilt ebenso für dein Gegenüber.
Wenn sich dein Gegenüber gerade über etwas aufregt, ist die entscheidende Frage oft nicht: Wie kann ich helfen? oder Was habe ich falsch gemacht?
Sondern:
Welches Bedürfnis zeigt sich hier?
Was braucht das Nervensystem meines Gegenübers in diesem Moment?
In den meisten Fällen sind es zwei Dinge:
gesehen werden und anschließend ein kleines Maß an Zuneigung. In genau dieser Reihenfolge.
Zuerst darf alles da sein und ausgesprochen werden.
Dann folgt ein kurzer Moment von Verständnis, in welcher Form auch immer.
Und oft ist das Nervensystem des Gegenübers danach bereits deutlich regulierter.
Regulation im Kontakt
Dieses „Halten“ eines Nervensystems braucht jedoch oft einen ruhigen, man könnte sagen erwachsenen Rahmen.
Das bedeutet: Das andere Nervensystem sollte selbst überwiegend ruhig und präsent sein.
Das lässt sich kaum vorspielen, wenn es innerlich nicht so ist.
Das eigene Nervensystem regulieren zu lernen ist deshalb häufig eine Grundvoraussetzung für stabile und tragfähige Bindungen.
Ein ruhiges Nervensystem kann andere beruhigen, halten und entspannen. Diese Ruhe überträgt sich gewissermaßen in den Raum und in die Umgebung.
Auch für die eigene Regulation ist es hilfreich, einem bereits ruhigen Nervensystem zu begegnen.
Ein Freund oder eine Freundin, die in diesem Moment nichts tun müssen, außer präsent zu bleiben.
Die ihr eigenes Nervensystem nicht in den Ring werfen, sondern für ein paar Minuten einfach nur deine Nerven halten. Oft braucht es nicht mehr.
Ich hoffe, deine Nerven wurden in diesem Zweiteiler nicht überstrapaziert und du konntest den einen oder anderen Gedanken eintröpfeln lassen.
Wir lesen oder hören uns beim nächsten Gedankentropfen.
Kerntropfen
Kerntropfen
Sicherheit als Grundlage
Ein Nervensystem kann dann zur Ruhe kommen, wenn es sich sicher fühlt. Besonders im Kontakt mit anderen Menschen braucht es das Gefühl, gesehen, verstanden und gut aufgehoben zu sein.
Raum statt Lösung
Aufgebrachte Nervensysteme brauchen keinen Rat, sondern Raum. Präsenz ohne Bewertung, Erwartungen oder versteckte Botschaften ermöglicht Regulation.
Heilung geschieht in Beziehung
Verletzungen, die im Kontakt entstanden sind, können auch dort heilen. Beziehung ist nicht nur Auslöser, sondern auch Heilraum.
Frühe Prägungen wirken weiter
Unser Nervensystem wird früh geformt, oft noch bevor bewusste Erinnerungen entstehen. Diese Prägungen beeinflussen, wie wir heute reagieren.
Vertraut fühlt sich sicher an
Selbst schmerzhafte Muster können sich wie Zuhause anfühlen, wenn sie bekannt sind. Das Nervensystem bevorzugt Vorhersagbarkeit vor Wohlbefinden.
Wiederholung ist kein Fehler
Wir wiederholen alte Dynamiken nicht, weil wir es nicht besser wissen, sondern weil das Nervensystem nach etwas Bekanntem greift. Vertraute Muster geben Orientierung, selbst wenn sie schmerzhaft sind.
Bewusstsein verändert Dynamik
Muster lassen sich nicht durch gute Vorsätze auflösen, sondern durch Wahrnehmung, Benennung und bewusstes Unterbrechen.
Rupture and Repair
Nicht der Bruch ist entscheidend, sondern die Fähigkeit, nach einem Bruch wieder in Kontakt zu kommen und Verbindung herzustellen.
Nervensysteme beeinflussen sich gegenseitig
In Beziehungen reagieren Nervensysteme ständig aufeinander. Konflikte entstehen selten wegen der Sache, sondern durch diese Wechselwirkung.
Der Körper ist der Zugang
Gefühle sind körperliche Zustände. Regulation und Selbsterkenntnis beginnen nicht im Denken, sondern im Spüren.
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