046 - Ist es schwer mit offenem Herzen durchs Leben zu gehen?
- Ronny

- 31. Jan.
- 7 Min. Lesezeit
Die Gedankentropfen zum Hören
Ist es schwer, der Welt mit offenem Herzen zu begegnen?
„Du kannst dein Herz schützen, indem du es schließt.Oder du kannst es schützen, indem du lernst, offen zu bleiben.“
Quelle: unbekannt, überlieferte Zen-Aussage
Während eines Trainings im Fitnessstudio hörte ich in einem Podcast eine Frage, die mich über das Training hinaus bis heute beschäftigt und diesen Gedankentropfen nährt:
„Ist es schwer, mit einem offenen Herzen durchs Leben zu gehen?“
Mein erster Impuls war ein überzeugtes:
„Ja, es ist verdammt schwer.“
Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass meine erste Reaktion nicht ganz stimmt.
Lass uns genauer hinschauen.

Ist es schwer, der Welt mit einem offenen Herzen zu begegnen?
Rückblickend erkenne ich, wie selbstverständlich ich früher mit verschlossenem Herzen gelebt habe.
Ein offenes Herz war für mich keine direkte Erfahrung, sondern ein abstrakter Gedanke.
Mein Verstand hielt Wache, kontrollierend und erklärend, und hätte nicht erfassen können, was sich unterhalb dieser Kontrolle verbirgt.
Wie es sich anfühlt, weich zu werden. Wirklich berührbar.
Was heißt es also, mit offenem Herzen durchs Leben zu gehen?
Für mich bedeutet es, die inneren Rüstungen abzulegen. Schutzmechanismen, Rollen, Pflichten, Erwartungen, Gedanken.
In einen Zustand zu kommen, in dem nichts erreicht, nichts gehalten, nichts verteidigt werden muss.
Wahrnehmung geschieht hier nicht über den Kopf, sondern über den Körper. Über Empfindungen, Gefühle und das direkte Erleben dessen, was gerade da ist.
Zwei Wege, ein Schutz
Am Ende geht es um die Wirkung.
Ein offenes Herz erlebt das Leben mit größeren Ausschlägen. In beide Richtungen.
Freude wird intensiver gespürt, ebenso Schmerz. Beides gehört zusammen. Zwei Seiten derselben Medaille. Sie bedingen einander.
Und genau darin liegt auch die Möglichkeit, selbst den schwierigen Momenten etwas Sinnvolles abzugewinnen.
Ein verschlossenes Herz hingegen fühlt sich oft gleichmäßiger an. Glatter. Gedämpfter.
Ohne große Höhen, ohne tiefe Täler. Auch das ist eine Form von Schutz.
So wie das offene Herz schützt, nur auf eine andere Weise. Beide verfolgen dasselbe Ziel:
nicht überwältigt zu werden.
Doch ein verschlossenes Herz weiß mitunter selbst nicht mehr, was es fühlt. Der Zugang zu den eigenen Empfindungen ist unterbrochen.
Und dann drängt sich eine Frage auf:
Wie willst du die Umarmung eines geliebten Menschen wirklich genießen, wenn dein Herz geschlossen ist?
Wenn Herzen noch offen sind
Es gibt die Vorstellung, dass sich Herzen aus Notwendigkeit verschließen. Dass wir als Kinder noch mit offenem Herzen durch die Welt gehen.
Dieser Gedanke fühlt sich für mich sehr stimmig an.
Denk an einen Kindergarten. Kleine Menschen, die ihr Herz nach außen tragen.
Sie überlegen nicht, wie sie wirken, ob sie bewertet werden oder ob ihr Gefühl gerade angemessen ist.
Emotionen fließen ungefiltert. Freude. Wut. Traurigkeit. Nähe. Alles darf da sein, ohne Erklärung, ohne Zurückhaltung.
Der Wunsch dazuzugehören, anerkannt zu werden und nicht abgelehnt zu werden, führt oft dazu, dass wir beginnen, uns anzupassen.
Ein Irrtum der Leistungsgesellschaft
Es gibt auch die Sichtweise, dass unsere moderne Gesellschaft das Verschließen des Herzens begünstigt.
Wer leisten will, funktionieren muss oder erfolgreich sein möchte, verlässt sich auf einen klaren Verstand und versucht, sich nicht von starken Gefühlen aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen.
Für Überwältigung scheint im Alltag schlicht kein Platz zu sein. Ich halte das für einen Trugschluss.
Nicht ohne Grund entdecken immer mehr Führungskräfte Atemarbeit oder Meditation für sich und zwar als Ressource, nicht als Rückzug.
Was uns manchmal fehlt, ist nicht das Fühlen an sich, sondern ein bewusster Umgang damit.
Natürlich lernen wir im Laufe unseres Lebens, mit Emotionen zurechtzukommen. Doch selten geschieht das gezielt oder begleitet.
In der Schule nicht. Im Elternhaus meist nur indirekt. Und im Sportverein eher nebenbei.
Vieles entsteht aus Anpassung und Erfahrung, weniger aus wirklichem Verstehen.
Anpassung statt Offenheit
Wir wachsen im Leben oft in Situationen hinein, in denen es kurzfristig als Risiko oder Belastung erlebt wird starke Emotionen zu empfinden.
Alltagserwartungen, Leistungsdruck und soziale Normen fördern eher Schutzmechanismen als Offenheit.
Das ist nicht „Schwäche“, sondern ein adaptives Verhalten, um handlungsfähig zu bleiben.
Das heißt:
Wir nehmen unsere Gefühle durchaus wahr, können sie aber abbügeln, unterdrücken, wegschieben oder abschwächen, um bestimmte Anforderungen zu erfüllen – zum Beispiel bei der Arbeit, in Pflichten oder sozialen Rollen.
Der Preis des Funktionierens
Die Folge ist, dass wir die allerschönsten Momente unseres Lebens verpassen. Diese tiefe Freude, das eigene Kind, die Eltern, die besten Freunde oder den Partner zu umarmen.
Ja, diese Form des Schutzes bewahrt uns vor starken Ausschlägen. Doch der Preis dafür ist hoch.
Und genau deshalb stimmt mein ursprünglicher Impuls auf das Zitat von oben für mich heute nicht mehr.
Verlust von Nähe
In Wahrheit ist es viel härter, das Herz zu verschließen. Denn wir bezahlen dafür mit echter Nähe und tiefer Begegnung.
Mit geschlossenem Herzen fühlt sich selbst eine innige Umarmung oft so an:
Wir beobachten das Geschehen aus einer inneren Distanz. Gefühle werden registriert, aber nicht wirklich erlebt. Kühl. Neutral. Wie von außen betrachtet.
Die Alternative wäre, mitten im Gefühl zu sein. Es zuzulassen, es im Körper zu spüren.
Viele von uns glauben, dass das im Alltag kaum möglich ist, weil es zu intensiv oder sogar überwältigend wirken könnte.
Durchlässige Stabilität
Doch es geht nicht um emotionale Überforderung. Ich glaube, es ist durchaus möglich einen Zustand der durchlässigen Stabilität zu erfahren.
Es wäre eine Akzeptanzbasierte Emotionsregulation. Um es genauer zu beschreiben:
Ein geschlossene Herz löst folgendes aus:
Das Gefühl lenkt ab und soll aufhören, Kontrolle geschieht durch Dämpfung oder Ablenkung, der Fokus ist aufs Funktionieren ausgerichtet und das ist kurzfristig effezient
Ein offenes Herz löst dagegen aus:
Das Gefühl darf da sein, es erfährt durchlässige Stabilität durch Annahme und Präsenz, der Fokus liegt auf Tragfähigkeit und Emotionen sind langfristig integrierbar.
Welchen harten Weg wir wählen?
Beide Varianten verfolgen dasselbe Ziel: Schutz.
Das verschlossene Herz schützt vor Schmerz. Das offene Herz schützt vor den Folgen des Abwehrens von Schmerz.
Beide Wege sind hart. Das Schöne daran ist, dass wir wählen können, welchen harten Weg wir gehen.
Wenn Gefühle regelmäßig unterdrückt werden, entsteht mit der Zeit eine innere Starre.
Ein offenes Herz schützt davor, emotional eng, zynisch oder gleichgültig zu werden.
Wer sich häufig abdichtet, verliert nach und nach das feine Gespür für die eigenen Bedürfnisse und Grenzen.
Ein verschlossenes Herz kann effizient sein, doch es trennt. Von anderen und von sich selbst. Die offene Variante schützt vor emotionaler Vereinsamung, selbst mitten im Alltag.
Nicht gefühlte Gefühle verschwinden nicht. Sie melden sich oft später, intensiver und unkontrollierter zurück.
Ein offenes Herz schützt vor solchen Überflutungen, weil Emotionen früh wahrgenommen und integriert werden.
So schützt das geschlossene Herz vor dem Fühlen. Das offene Herz schützt davor, sich selbst zu verlieren.
Das ist der Unterschied.
Verbindung statt Schutz
Für mich wiegt ein Argument schwerer als alle anderen: die Verbindung zu anderen Menschen und der Ausdruck dessen, was wir füreinander empfinden.
Ein offenes Herz kann Liebe und Zuneigung in einer Tiefe erfahren, die einem verschlossenen Herzen verschlossen bleibt.
Es geht nicht um Intensität um jeden Preis, sondern um Echtheit. Um Nähe, die nicht gefiltert, gedämpft oder beobachtet wird, sondern wirklich stattfindet.
Gerade deshalb ist es aus meiner Sicht letztlich schwerer mit einem geschlossenem Herzen durchs Leben zu gehen.
Kerntropfen
Zwei Arten von Schutz
Wir können unser Herz schützen, indem wir es schließen. Oder indem wir lernen, offen zu bleiben. Beide Wege sind Versuche, mit Schmerz, Überforderung und Verletzlichkeit umzugehen.
Das offene Herz fühlt intensiver
Ein offenes Herz erlebt stärkere emotionale Ausschläge. Freude wird tiefer, Schmerz wird spürbarer. Beides gehört zusammen.
Das geschlossene Herz dämpft Gefühle
Ein verschlossenes Herz reduziert emotionale Intensität. Es schützt vor Überwältigung, nimmt dem Erleben jedoch Tiefe und Nähe.
Verschließen ist ein Lernprozess
Als Kinder begegnen wir der Welt mit offenem Herzen. Durch Anpassung, den Wunsch nach Anerkennung und die Angst vor Ablehnung beginnen wir, uns zu schützen und zu verschließen.
Funktionieren fördert Abschottung
Unsere Gesellschaft belohnt Funktionieren, Kontrolle und Effizienz. Starke Gefühle erscheinen dabei oft als Störung und werden eher abgewehrt als integriert.
Gefühle werden gedämpft nicht verloren
Wir verlieren unsere Gefühle nicht. Wir lernen, sie zu dämpfen, zu verschieben oder zu unterdrücken, um Erwartungen, Rollen und Pflichten zu erfüllen.
Der Preis des Dämpfens
Wer Gefühle dauerhaft abschwächt, verpasst tiefe Momente von Nähe, Freude und Verbundenheit. Schutz vor Schmerz bedeutet hier auch Schutz vor Erfüllung.
Hinzu kommt: Nicht gefühlte Gefühle verschwinden nicht. Sie werden gespeichert und melden sich später oft verstärkt zurück – als innere Unruhe, plötzliche Überforderung oder in ungesunden Kompensationshandlungen. Was kurzfristig entlastet, kann langfristig belasten.
Durchlässige Stabilität
Ein offenes Herz bedeutet nicht Überforderung. Es steht für eine akzeptanzbasierte Emotionsregulation, in der Gefühle da sein dürfen, ohne uns aus der Balance zu werfen.
Zwei harte Wege
Sich zu verschließen ist hart. Offen zu bleiben ist ebenfalls hart. Das Schöne ist, dass wir wählen können, welchen harten Weg wir gehen wollen.
Verbindung als Kern
Ein offenes Herz ermöglicht echte Nähe, Liebe und Zuneigung. Es schützt nicht vor dem Fühlen, sondern davor, sich selbst und andere zu verlieren.
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