059 - Wenn ich nicht mehr laufen kann, dann werde ich fliegen
- Ronny

- 1. Aug.
- 6 Min. Lesezeit
Die Gedankentropfen zum Hören
Wenn ich nicht mehr laufen kann, dann werde ich fliegen
Janine Shepherd war in den 1980er Jahren eine der besten australischen Skilangläuferinnen.
Um sich auf Wettbewerbe vorzubereiten, absolvierte sie ein extrem intensives Ausdauertraining, dazu gehörten auch lange Radtouren.
1986 wurde sie während einer Trainingsfahrt von einem Lastwagen erfasst. Die Verletzungen waren verheerend.
Die Ärzte glaubten zunächst, dass sie die Nacht nicht überleben würde. Als sie doch überlebte, sagten sie ihr, sie werde nie wieder laufen können und dauerhaft im Rollstuhl sitzen.
Ihre Karriere als Spitzensportlerin war mit einem Augenblick vorbei.
Monatelang lag sie nahezu bewegungslos im Krankenhaus. Eines Tages wurde ein Moment für sie zum Wendepunkt.
Ihr Gedanke war:
"Wenn ich nicht mehr laufen kann, dann werde ich fliegen."
Sie begann Flugunterricht, obwohl sie noch einen Ganzkörpergips trug und in das Flugzeug gehoben werden musste.
Innerhalb eines Jahres machte sie ihren Pilotenschein. Später folgten die Berufspilotenlizenz und die Qualifikation als Kunstfluglehrerin.

Innerer Protest
Wenn das Schicksal unser Leben durcheinander wirbelt, ist es eine ganz normale Reaktion, innerlich zu protestieren und sich darüber zu beschweren.
Oft gepaart mit Empfindungen von Ungerechtigkeit, Trauer, Wut, Ärger, Enttäuschung und anderen unangenehmen Gefühlen.
Es ist, als würden wir fragen:
Warum ist die Wirklichkeit nicht so, wie ich sie erwartet habe?
Unser Gehirn ist geschockt und nährt uns mit einer Endlosschleife aus wiederkehrenden Gedanken und Gefühlen.
Es glaubt: Wenn ich den Grund finde, kann ich verhindern, dass so etwas noch einmal passiert.
Doch die Realität richtet sich nicht nach unseren Erwartungen oder Wünschen.
Sie ist einfach da. Und manchmal verändert sie sich von einem Augenblick auf den nächsten.
Ein persönlicher Angriff auf die Identität
Der tiefste Schmerz entsteht dabei oft nicht allein durch die Veränderung selbst, sondern dadurch, dass wir an der Identität festhalten, die wir gerade verloren haben.
Unser Gehirn liebt Vorhersagbarkeit. Es erschafft ständig ein Bild davon, wer wir sind und wie unser Leben weitergehen wird.
Wenn eine Identität zerbricht
Ein Schicksalsschlag kann dieses Bild innerhalb weniger Sekunden zerstören. Genau das empfinden wir oft als so schmerzhaft.
Wir identifizieren uns mit den Bereichen unseres Lebens. Janine Shepherd dachte vermutlich:
Ich bin Spitzensportlerin.
Bis zu ihrem Unfall. Von einem Moment auf den anderen passte dieses Selbstbild nicht mehr zu ihrer neuen Realität.
Ihre sportliche Laufbahn war vorbei. Mit ihr starb gewissermaßen auch ein Teil ihrer bisherigen Identität.
Doch das geschieht nicht nur Spitzensportlern. Wir alle sagen:
Ich bin Sportlerin. Ich bin Lehrer. Ich bin gesund. Ich bin Vater. Ich bin Ehefrau. Ich bin Unternehmer.
Bis sich etwas verändert.
Gestaltung statt Hilflosigkeit
Glücklicherweise dürfen viele von uns ein überwiegend zufriedenes und glückliches Leben führen.
Und doch erleben die meisten von uns früher oder später auch einschneidende Ereignisse.
Dann kann es helfen, die Aufmerksamkeit langsam zu verändern. Weg von dem quälenden Gedanken:
Warum ist mir das passiert?
Hin zu der Frage:
Was ist jetzt möglich – mit dieser neuen Realität?
So herausfordernd es auch sein mag: den inneren Protest über die verlorene Identität langsam loslassen.
Der neuen Realität ins Auge schauen und ihr eine neue Frage stellen:
In dieser neuen Realität – was ist jetzt möglich?
Mit dieser Frage verbindet sich etwas sehr Wertvolles:
Selbstwirksamkeit. Handlungsfähigkeit statt Ohnmacht. Gestaltung statt Hilflosigkeit.
Akzeptanz, Annahme und Loslassen
Den inneren Protest loszulassen und die Realität zu akzeptieren heißt nicht Kapitulation.
Akzeptanz bedeutet nicht, etwas gutzuheißen. Sie bedeutet auch nicht, aufzugeben oder sich mit allem abzufinden.
Akzeptanz bedeutet zunächst nur:
Ich erkenne an, dass dieser Moment gerade so ist, wie er ist. Erst wenn wir die Wirklichkeit sehen, können wir angemessen handeln.
Das gleiche gilt fürs Loslassen:
Oft können wir die Situation gar nicht loslassen. Loslassen können wir vielmehr den ständigen Kampf gegen das, was bereits geschehen ist.
Kapitulation sagt:
"Es hat sowieso keinen Sinn."
"Ich kann nichts tun."
"Ich gebe auf."
Akzeptanz sagt:
"Das ist gerade die Realität."
"Von hier aus entscheide ich meinen nächsten Schritt."
Der Weg aus dem Widerstand
Diese Gedanken können uns nicht nur bei großen Schicksalsschlägen helfen, sondern auch im Alltag.
Immer dann, wenn die Realität nicht das liefert, was wir erwartet haben. Warum sich die Zähne an einer Realität ausbeißen, die nie eingetreten ist?
An einer Realität, in der wir pünktlich in den Urlaub gefahren wären, statt im Stau zu stehen. Oder in der die Autobatterie nicht leer gewesen wäre und wir einfach hätten losfahren können.
Ja, das ist ärgerlich. Lass den Ärger kurz heraus, damit er ein Ventil hat. Und dann übe dich in einer anderen Frage:
Das ist die neue Realität. Was ist in ihr jetzt möglich?
Finde einen Weg in der neuen Realität
Es gibt diesen bekannten Spruch:
„Das Leben ist das, was passiert, während wir etwas ganz anderes geplant haben.“
Ein weiterer bekannter Gedanke lautet:
„Habe den Mut, zu verändern, was du verändern kannst, die Gelassenheit, anzunehmen, was du nicht verändern kannst, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Beide und viele weitere kluge Gedanken zu diesem Thema laufen auf dieselbe Kernaussage hinaus:
Die neue Realität anzunehmen und in ihr den bestmöglichen Weg zu finden, ein schönes Leben zu führen.
Wenn du nicht mehr laufen kannst, dann beginne zu fliegen
Die Geschichte von Janine Shepherd lehrt uns vielleicht:
Manchmal verlieren wir die Kontrolle über unser Leben. Den Einfluss darauf, wie wir mit unserem Leben umgehen, verlieren wir jedoch nie.
Ja, wir trauern immer wieder um die Zukunft, die wir uns vorgestellt hatten. Im Kleinen wie im Großen. Das ist menschlich und darf sein.
Doch irgendwann kommt der Moment, in dem wir den Blick langsam von dem richten dürfen, was nicht mehr möglich ist, hin zu dem, was noch möglich ist.
Denn vielleicht können wir die alte Realität nicht zurückholen. Aber wir können lernen, in der neuen ein erfülltes Leben zu gestalten.
Oder, um es mit Janine Shepherd zu sagen:
Wenn du nicht mehr laufen kannst, dann beginne zu fliegen.
Kerntropfen
Janine Shepherd
Janine Shepherd verlor durch einen schweren Unfall ihre Karriere als Spitzensportlerin. Statt an ihrem alten Leben festzuhalten, fand sie einen völlig neuen Weg und wurde Pilotin. Ihre Geschichte zeigt, dass ein Ende nicht das Ende des Lebens bedeuten muss.
Die Warum-Frage
Wenn das Schicksal unser Leben erschüttert, fragen wir fast automatisch: „Warum ist das passiert?“ Diese Reaktion ist menschlich und wird oft von Trauer, Wut und einem Gefühl der Ungerechtigkeit begleitet.
Der Protest gegen die Realität
Hinter vielen Beschwerden steckt letztlich ein innerer Protest gegen die Realität. Wir wünschen uns, dass das Leben anders verlaufen wäre, als es tatsächlich verlaufen ist.
Warum unser Gehirn das tut
Unser Gehirn sucht nach Gründen, weil es glaubt, dadurch zukünftiges Leid verhindern zu können. Doch viele Ereignisse lassen sich nicht vollständig erklären oder kontrollieren.
Der Verlust der Identität
Schwere Veränderungen nehmen uns oft nicht nur eine Situation, sondern auch ein Selbstbild. Wir verlieren nicht nur einen Beruf, eine Beziehung oder unsere Gesundheit, sondern auch einen Teil dessen, wer wir glaubten zu sein.
Gefühle brauchen Raum
Trauer, Wut und Enttäuschung brauchen Zeit und ein Ventil. Akzeptanz bedeutet nicht, Gefühle zu unterdrücken, sondern ihnen Raum zu geben, bevor wir den nächsten Schritt gehen.
Die entscheidende Frage
Irgendwann kann sich der Blick verändern. Weg von der Frage „Warum ist mir das passiert?“ hin zu der Frage: „Was ist jetzt möglich?“
Die neue Realität
Die neue Realität anzuerkennen bedeutet nicht, sie gutzuheißen. Es bedeutet, aufzuhören, gegen etwas zu kämpfen, das bereits geschehen ist, und die eigenen Kräfte auf das zu richten, was noch gestaltet werden kann.
Auch im Alltag hilfreich
Nicht nur Schicksalsschläge, sondern auch kleine Enttäuschungen folgen demselben Muster. Ob Stau, Verspätung oder leere Autobatterie – sobald wir die Realität anerkennen, können wir nach der besten Lösung suchen.
Beginne zu fliegen
Wir verlieren manchmal die Kontrolle über unser Leben, aber niemals den Einfluss darauf, wie wir ihm begegnen. Auch wenn eine Zukunft verloren geht, kann eine neue entstehen. Manchmal beginnt genau dort das schönste Kapitel unseres Lebens.
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