057 - Leben in Zeitlupe - Wenn die Jahre fliegen und die Zeit rast
- Ronny

- 4. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Die Gedankentropfen zum Hören
Leben in Zeitlupe
Hast du auch manchmal das Gefühl, das Leben rast nur so an dir vorbei?
Schon wieder ist ein Jahr vorüber und man fragt sich, wo ist nur die Zeit geblieben?
Und irgendwann kommt ein Moment, in dem man beginnt zu rechnen, wie viele Sommer man in diesem Leben noch genießen wird.
Das Gefühl, dass die Zeit immer schneller vergeht, ist tatsächlich sehr verbreitet. Es gibt dafür mehrere Erklärungen:
Mit 10 Jahren ist ein Jahr 10 % deines bisherigen Lebens, mit 50 Jahren nur noch 2 %. Neue Zeitabschnitte wirken deshalb subjektiv kürzer.
Der Alltag wird routinierter. Das Gehirn speichert weniger neue Eindrücke, wodurch rückblickend weniger Erinnerungsmarken vorhanden sind.
Viele Menschen leben stärker in Gedanken über Vergangenheit oder Zukunft als in der unmittelbaren Erfahrung des Augenblicks.
Wie können wir diesem Effekt entgegenwirken?
Das Gehirn liebt Neuheit
Ein Monat voller Routine wirkt rückblickend oft wie eine Woche.
Eine Woche voller neuer Erfahrungen kann sich rückblickend wie ein Monat anfühlen.
Wir benötigen daher so etwas wie eine Musterunterbrechung.
Da wir jedoch unsere Routinen und Gewohnheiten so sehr lieben, benötigt es vor allem mentale Energie, um uns aus diesen ausbrechen zu lassen.
Zwei Sonntage
Stell dir zwei Sonntage vor. Am ersten schläfst du aus, frühstückst, scrollst durch dein Handy, schaust Netflix, gehst einkaufen und verbringst den Abend auf dem Sofa.
Am zweiten Sonntag probierst du ein neues Café aus, wanderst zwei Stunden auf einer unbekannten Strecke, rufst spontan einen alten Freund an, planst einen Urlaub und verbringst den Abend in der Sauna.
Beide Tage hatten exakt 24 Stunden. Und doch fühlt sich einer im Rückblick deutlich länger und erfüllter an als der andere.
Das erfahrende vs. das erinnernde Ich
Vielleicht erinnerst du dich an das erfahrende und das erinnernde Ich.
Das erfahrende Ich lebt im gegenwärtigen Moment.
Es spürt Müdigkeit, Anstrengung, Freude, Entspannung oder Genuss. Es fragt: „Wie fühlt sich dieser Augenblick gerade an?“
Das erinnernde Ich lebt dagegen in Geschichten. Es blickt zurück und fragt: „Woran werde ich mich erinnern?“
Deshalb wollen die beiden nicht immer dasselbe.
Eine Wanderung im Regen, eine Reise mit vielen Unwägbarkeiten oder ein herausfordernder Kurs können für das erfahrende Ich anstrengend sein.
Es ist einer der Gründe, warum es uns so schwerfällt, die Komfortzone zu verlassen und das erinnernde Ich zu nähren. Es ist eben nicht immer komfortabel.
Das erinnernde Ich liebt solche Erlebnisse oft. Es macht daraus Erinnerungen, Geschichten und besondere Momente.
Ein ruhiger Nachmittag auf dem Sofa kann dagegen das erfahrende Ich vollkommen zufriedenstellen. Das erinnernde Ich wird sich daran oft kaum erinnern.
Du kannst dich in solchen Momenten bewusst fragen, welches Ich du heute nähren möchtest.
Dasjenige, das den Moment erlebt?
Oder dasjenige, das später auf diesen Tag zurückblickt?
Beides hat seine Berechtigung und Notwendigkeit.
Komfortzone
Nichts setzt weniger Reize als die Komfortzone. Nichts setzt stärkere Reize als das Verlassen der Komfortzone.
Wenn wir die subjektive Wahrnehmung der rasenden Zeit etwas verlangsamen wollen, benötigt es neue Reize.
Dort draußen im Leben warten nicht nur neue Erfahrungen, sondern auch neue Erinnerungen.
Das Gehirn wird aufmerksam, wenn etwas ungewohnt ist. Es speichert mehr Eindrücke, mehr Details, mehr Geschichten.
Aus einem Monat der sonst im Strom vieler ähnlicher Tage verschwunden wäre, wird mit nur wenigen Momenten außerhalb der Komfortzone ein ereignisreicher Monat.
Das kann eine Reise in ein fremdes Land sein.
Oft reicht aber schon etwas viel Kleineres:
ein spontaner Ausflug, ein neues Hobby, eine Einladung, die du normalerweise ausgeschlagen hättest, oder ein Gespräch mit einem Menschen, den du noch nicht kennst.
Natürlich müssen wir nicht ständig auf der Suche nach dem Nächsten und Besonderen sein.
Auch die Komfortzone hat ihren Wert. Sie schenkt uns Ruhe, Vertrautheit und Erholung.
Doch geht es hier um ein bewusste Steuerung der Reize für unser Gehirn, um uns die Erfahrung zu schenken, es gibt noch viel zu erleben.
Kalender nicht für Termine, sondern als Ort für Vorfreude
Die meisten unter uns nutzen den Kalender als nützliches Werkzeug für Arzttermine, Meetings und sonstige Verpflichtungen.
Doch der Kalender kann zum Ort der Vorfreude werden, wenn wir darauf achten, dort immer etwas einzutragen, auf das wir uns sehr freuen.
Was wäre das bei dir?
Ein Urlaub? Ein Abend mit deinen Jungs oder Mädels? Eine Kursteilnahme zu einem Thema, auf das du schon lange Lust hast?
Raus aus dem Wartemodus
Viele Menschen verbringen einen großen Teil ihres Lebens im Wartemodus.
Sie denken: Wenn dieses Projekt erst abgeschlossen ist. Wenn die Kinder größer sind. Wenn ich mehr Zeit habe. Wenn ich in Rente bin.
Dadurch wird das aktuelle Leben zur Wartezeit.
Wer stattdessen regelmäßig kleine Momente von Genuss, Begegnung und Sinn in den Alltag einbaut, erlebt die Zeit meist als voller.
Interessanterweise zeigt die Forschung, dass Zeit nicht unbedingt langsamer vergeht, wenn wir mehr erleben.
Aber rückblickend wirkt das Leben deutlich länger, reicher und dichter. Es nährt das erinnernde Ich.
Durch die aktive Gestaltung unseres Lebens, gezielt gesetzte Musterunterbrechungen, das Nähren der erinnernden Ichs, das bewusste Verlassen der Komfortzone, rast das Leben nicht mehr an uns vorbei.
Wir erleben es bewusster, fast wie in Zeitlupe und weichen der unbewussten, rasenden Zeit gewissermaßen aus.

Denke das Leben nicht, erfahre es
Neue Erfahrungen können unserem Leben mehr Tiefe verleihen.
Doch sie allein reichen nicht aus. Denn selbst die spannendste Reise wird schnell zur Kulisse, wenn wir gedanklich ständig woanders sind.
Entscheidend ist nicht nur, was wir erleben, sondern auch, wie bewusst wir es erleben.
Wie oft essen wir, ohne wirklich zu schmecken? Spazieren, ohne die Umgebung wahrzunehmen? Verbringen Zeit mit Menschen, während unsere Gedanken schon beim nächsten Termin sind?
Je aufmerksamer wir einen Moment erleben, desto mehr hinterlässt er eine Spur.
Finde deine Zeitlupen Momente
Es gibt Momente, in denen die Zeit still zu stehen scheint. Momente, in denen alles gut ist.
Momente, die uns nähren und diese gibt es auch in deiner Vergangenheit.
Schaue daher rückblickend, welche Momente waren voller Leben?
Wenn wir Jahre später auf unser Leben zurückblicken, erinnern wir uns selten an erledigte Aufgaben.
Wir erinnern uns an Menschen.
An Gespräche bis spät in die Nacht.
An gemeinsames Lachen.
An Begegnungen, die etwas in uns bewegt haben.
Was ist es bei dir?
Leben als weises Kind
Lebe ein Leben das zwei weitere deiner Ichs zufriedenstellen würde.
Dein 80-jähriges Ich und dein 8-jähriges Ich.
Dein 80-jähriges Ich blickt zurück. Es fragt nicht, ob du alle E-Mails beantwortet oder alle Aufgaben erledigt hast.
Es fragt vielleicht eher:
Habe ich gelebt? Habe ich geliebt? Habe ich die Dinge getan, die mir wirklich wichtig waren?
Dein 8-jähriges Ich stellt eine ganz andere Frage. Es möchte wissen:
Hast du noch Spaß? Bist du neugierig geblieben? Entdeckst du noch Neues? Kannst du noch staunen?
Kerntropfen
Neuheit verlängert das Leben
Unser Gehirn speichert neue Erfahrungen intensiver als Routinen. Wer regelmäßig Neues ausprobiert, schafft mehr Erinnerungen und erlebt sein Leben rückblickend als reicher und länger.
Muster unterbrechen
Ein Alltag voller Wiederholungen verschwimmt oft in der Erinnerung. Schon kleine Abweichungen von der gewohnten Routine können neue Eindrücke und mehr Lebendigkeit schaffen.
Zwei Sonntage, zwei Welten
Nicht die verfügbare Zeit entscheidet über die Qualität eines Tages, sondern wie wir sie gestalten. Neue Erlebnisse hinterlassen deutlich tiefere Spuren als Gewohnheit.
Das erfahrende und das erinnernde Ich
Während das erfahrende Ich den aktuellen Moment spürt, sammelt das erinnernde Ich Geschichten und Erinnerungen. Ein erfülltes Leben berücksichtigt beide Perspektiven.
Die Kraft der Komfortzone
Komfort schenkt Sicherheit und Erholung. Doch Wachstum, Aufmerksamkeit und neue Erinnerungen entstehen meist dort, wo wir uns gelegentlich über das Vertraute hinauswagen.
Mehr Erinnerungen schaffen
Besondere Momente müssen nicht spektakulär sein. Oft reichen kleine Abenteuer, spontane Begegnungen oder neue Hobbys, um dem Leben mehr Tiefe zu geben.
Vorfreude bewusst einplanen
Ein Kalender kann mehr sein als ein Ort für Verpflichtungen. Wer regelmäßig schöne Ereignisse einträgt, schafft Inseln der Vorfreude im Alltag.
Raus aus dem Wartemodus
Das Leben beginnt nicht erst nach dem nächsten Projekt, der Rente oder besseren Zeiten. Sinnvolle und genussvolle Momente dürfen bereits heute ihren Platz haben.
Den Moment wirklich erleben
Neue Erfahrungen entfalten ihre Wirkung erst durch Aufmerksamkeit. Je bewusster wir einen Augenblick wahrnehmen, desto stärker prägt er sich ein.
Leben für das 80-jährige und das 8-jährige Ich
Ein erfülltes Leben vereint Weisheit und Neugier. Es beantwortet die Frage des älteren Ichs nach einem gelebten Leben ebenso wie die Frage des jüngeren Ichs nach Freude, Staunen und Entdeckerlust.
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